Ballschule in der KISS

Der nachstehende Text ist aus dem Buch „Ballschule – Ein ABC für Spielanfänger“ (Autoren: Kröger, C., Roth, K.) entnommen und soll den interessieren Leser zum Nachdenken anregen...

Wie sollte die sportliche „Kinderstube“ von Ballspielanfängern aussehen? Welcher Einstieg weist den richtigen Weg zum Spielen-Können und vielleicht auch für eine erfolgreiche Sportspielkarriere?
Noch vor nicht allzu langer Zeit haben sich diese Fragen quasi von selbst beantwortet. Die spielerischen Kinderstuben waren in der Regel die Straßen, Parks, Schulhöfe und Bolzplätze. Fertigkeiten wie Prellen, Fangen, Werfen, Stoppen, Passen oder Schießen gehörten zur Alltagsmotorik und waren auf eine selbstverständliche Weise in unsere Lebenswelt eingebunden. „Gespielt wurde wirklich jeden Tag“ (Daniel Stephan – Handballnationalspieler), „die Mädchen und Jungen sind mit dem Ball groß geworden, egal mit welchem“ (Horst Bredemeier – Handballtrainer). Die nachfolgenden Zitate verdeutlichen beispielhaft, daß viele unserer aktuellen Ballkünstler in der Kindheit motivierte Alleskönner, d.h. keineswegs frühspezialisierte, überehrgeizige Einbahnstraßenspieler waren:

Die natürliche Ballschule: Vielfalt, Experimentieren, Ausprobieren…

Mehmet Scholl (Fußballspieler, eigenes Interview am 2. Februar 1998): „ … Ich war immer ein bewegliches Kind, und wenn ein Ball dabei war, egal was für einer, war ich glücklich. Mittags bin ich aus dem Haus und abends heim, ob Regen oder Schnee war nebensächlich. Ich habe einfach gespielt, wie ich Spaß hatte: mal Tischtennis, dann Basketball oder Handball, also alles was mit Bällen zu tun hatte…“

Olaf Thon (Fußballspieler, eigenes Interview am 27. Januar 1998): „ … Auf den Kinderbildern bin ich schon immer mit einem Ball zu sehen. Ich bin mit dem Ball umgegangen, seit ich laufen konnte. Ich hatte fortwährend Lust zu spielen, ganz viel Fußball, aber auch andere Spiele haben mich fasziniert…“

Jackson Richardson (Handballspieler, eigenes Interview am 28. Januar 1997): „ … Ich habe auf Réunion angefangen. Es ging dabei gar nicht darum, in einer Sportart unbedingt weiterzukommen oder etwas dazuzulernen. Ich wollte einfach Spaß haben und alles ausprobieren. In meinem kleinen Heimatdorf haben wir Kinder uns jeden Tag auf dem Dorfplatz, am Strand oder sonst irgendwo getroffen und irgendetwas gespielt…“

Straßenspielkultur = natürliche Ballschule

Die Straßenspielkultur, die natürliche Ballschule, ist heute bedauerlicherweise aus dem Tagesablauf unserer Kinder so gut wie verschwunden. Sie wird vermutlich auch nur bedingt durch die Mode- und Trendvarianten in den großen Sportspielen, wie Streetball, Streetsoccer, Beachhandball oder Beachvolleyball, zu ersetzen sein. Die Mädchen und Jungen treten zwar früher als vor 20 Jahren in den Verein ein, werden dort häufig aber vorrangig sportartspezifisch ausgebildet oder wie Schmidt (1994) es ausgedrückt hat: „Sie werden trainiert, bevor sie selbst spielen können“. „The kids in America grow up playing in the parks. In Germany – today – they come to the clubs and have practice and stuff like that“ (Kevin Pritchard –Basketballspieler).

Gefahren der Frühspezialisierung

Die Nachteile dieser Entwicklung von einem eher freien und vielseitigen zu einem angeleiteten Sportspielzugang sind vielfach beklagt worden. Kinder sind wohl von Natur aus keine Spezialisten, sondern Allrounder. Ihre sogenannte Frühspezialisierung mit einseitigen und aus dem Erwachsenenbereich kopierten Belastungsanforderungen zahlt sich daher in der Regel nicht aus. Im Gegenteil: es können zum einen Entwicklungsdisharmonien und Motivationsverluste auftreten, die nicht selten zum vorzeitigen Ausstieg vor dem Erreichen des Höchstleistungsalters führen (drop-out). Es muß nachdenklich stimmen, daß es in Deutschland mittlerweile mehr 17jährige Jugendliche gibt, die aus Vereinen wieder ausgetreten als dort noch Mitglied sind. Zum anderen produziert die (zu) frühe Ausrichtung auf eine Sportart – auch bei einem nicht unterbrochenen, langfristigen Leistungsaufbau – kein höheres Endniveau. In der Sportspielmethodik gilt, wie in vielen anderen Bereichen, das erst das allgemeine „ABC“ erlernt werden muß, bevor man gewinnbringend versuchen kann, komplexe „Wörter“ (spezifische Techniken) und „grammatikalische Einsatzregeln“ (spezifische taktische Kompetenzen) herauszubilden.

Die Kinderstube prägt und begleitet das gesamte individuelle Ballspielleben. Denn, wie sagt schon ein altes arabisches Sprichwort: „die Zweig geben Kunde von der Wurzel!“

Die Inhalte der Heidelberger Ballschule sind elementare Bestandteile unserer Arbeit in der Kindersportschule!